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    Die echten Kosten von Machine Vision: was das Kameraangebot verschweigt

    Korbinian Kuusisto
    10. April 2026
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    Die echten Kosten von Machine Vision: was das Kameraangebot verschweigt

    Wenn ein Machine-Vision-Projekt geplant wird, ist die Zahl im Business Case fast immer der Kamerapreis. 2026 liegt eine Basler ace 2 Pro im Basler-Shop bei rund 1.629 Euro. Ein brauchbares Objektiv kommt mit 260 Euro dazu. Drei Wochen später, wenn das Angebot des Systemintegrators eintrifft, hat sich die Gesamtsumme verdreifacht. Diese Lücke zwischen der Schlagzeilen-Hardware und den echten Kosten ist der Punkt, an dem die meisten Machine-Vision-Geschäftsfälle kippen.

    Dieser Artikel geht den vollen Kostenstack einer klassischen festen Machine-Vision-Station und einer smartphonebasierten Alternative durch. Er verwendet die gleichen Komponenten und Quellen, die wir in unserem iPhone-vs-Industriekamera-Benchmark veröffentlicht haben, damit alle Zahlen end-to-end nachvollziehbar sind.

    Die fünf Kostenblöcke, die kein Kameraangebot nennt

    Eine produktionsreife Prüfstation braucht mehr als eine Kamera. Die fünf zusätzlichen Blöcke: Objektiv und Halterung, Beleuchtung, Industrie-PC oder GPU-Rechenleistung, Gehäuse plus Verkabelung, Integrationsarbeit. Jeder Block hat eine Spanne. Zusammen machen sie 70 bis 85% der Erstjahreskosten einer typischen Industriekamera-Station aus.

    1. Objektiv und Halterung

    Ein C-Mount-Machine-Vision-Objektiv von Basler, Edmund Optics oder Kowa liegt zwischen 250 und 900 Euro, je nach Arbeitsabstand und Auflösung. Eine präzise Halterung mit Ausrichtungsschrauben kommt mit 150 bis 400 Euro dazu. Bei High-End-Anwendungen mit telezentrischen Objektiven (Planheitsprüfung, Maßprüfung) kann ein einzelnes Objektiv über 2.500 Euro liegen.

    2. Industrielle Beleuchtung

    Das ist der Block, den die meisten Planer unterschätzen. Ein zuverlässiges Ring- oder Balkenlicht mit Treiber, Diffusor und lichtdichtem Gehäuse kostet 400 bis 1.500 Euro pro Station. Domlichter für reflektierende Oberflächen treiben den Preis auf 1.500 bis 3.000 Euro. Eine schlecht beleuchtete Station ist der häufigste Grund für Fehl-Rückweisungen im Feld, deshalb haben wir einen eigenen Beleuchtungs-Guide für KI-Sichtprüfung geschrieben.

    3. Rechenleistung

    Ein Industrie-PC, der ein Deep-Learning-Modell in Echtzeit ausführen kann, ist kein billiges Zubehör. Ein lüfterloser IPC mit einer NVIDIA RTX A2000 oder einem Jetson AGX Orin liegt zwischen 2.000 und 4.500 Euro. Bei Mehrkamera-Setups oder Hochdurchsatz-Linien geht die Zahl weiter nach oben. Rechenleistung ist die einzelne Position, die den Finanzleiter typisch überrascht.

    4. Gehäuse, Verkabelung, Schaltschrank

    IP54- oder IP67-Gehäuse, PoE-Switches für GigE-Vision-Kameras, geschirmte Kabel in der richtigen Länge, Montagewinkel und ein kleiner Schaltschrank addieren sich. Eine realistische Größenordnung sind 500 bis 1.200 Euro pro Station.

    5. Integrationsarbeit

    Der unsichtbarste und gleichzeitig größte Block. Ein Systemintegrator veranschlagt für eine First-of-Kind-Installation typisch 40 bis 120 Stunden bei 120 bis 180 Euro pro Stunde. Das sind 4.800 bis 21.600 Euro pro Station für ein klassisches Vision-Projekt. Auf einer Linie mit fünf Stationen kann allein die Systemintegration 50.000 Euro übersteigen, bevor die erste Kamera geliefert ist.

    Das klassische Bundle, aufsummiert

    Ein realistisches konservatives Bundle für eine einzelne Basler-ace-2-Pro-Station mit Mittelklasse-Objektiv, Ringlicht, Jetson AGX Orin, Gehäuse, Verkabelung und Integrationsarbeit liegt im ersten Jahr bei rund 10.500 bis 13.500 Euro. Ein Premium-Bundle mit telezentrischem Objektiv, Domlicht, lüfterlosem IPC mit RTX A2000 und erweiterter Integration landet zwischen 18.000 und 26.000 Euro. Keine der beiden Zahlen enthält die klassische Machine-Vision-Software-Lizenz (ab rund 2.500 Euro je Platz für Cognex VisionPro oder MVTec MERLIC).

    Die Smartphone-Alternative, aufsummiert

    Eine iPhone-basierte Prüfstation auf Basis einer Enao-Vision-Subscription sieht anders aus. Ein refurbished iPhone, das on-device Inferenz ausführen kann, liegt bei 400 bis 600 Euro. Halterung, Kabel, Winkel und Ringlicht kosten zusammen 200 bis 300 Euro. Die Enao-Subscription ersetzt IPC, GPU, Vision-Software-Lizenz und den Großteil der Integrationsarbeit. Hardwaresumme: unter 1.000 Euro pro Station. Die Subscription läuft als OpEx und skaliert pro Station.

    Die Lücke ist nicht marginal. Auf einer einzelnen Station liegt das Smartphone-Bundle bei 5 bis 15% der Erstjahreskosten des klassischen Bundles. Die Lücke wächst auf Mehr-Stations-Linien, weil sich Beleuchtungs- und Rechenkostenersparnisse kumulieren. Den Wechsel vom Hardware-CapEx zum Subscription-Modell behandeln wir ausführlich im Artikel zum Umstieg von CapEx auf OpEx.

    Wo das klassische Bundle weiterhin gewinnt

    Das klassische Industriekamera-Bundle ist für drei Arbeiten weiterhin die richtige Wahl. Erstens: schnelle Linienscans (Folien, Bahnen, Strang), wo Zeilenkameras und Spezialbeleuchtung nötig sind. Zweitens: Maßprüfung mit telezentrischen Objektiven auf Sub-Millimeter-Genauigkeit. Drittens: Extremumgebungen (hohe Vibration, hohe Temperatur, explosionsgefährdete Atmosphären), in denen kein Smartphone überlebt. Für diese Fälle ist der volle klassische Stack gerechtfertigt und sein Preis berechtigt. Für den Rest, und das sind die meisten realen Prüfprobleme, landet das Smartphone-Bundle bei einem Bruchteil der Kosten.

    Die vollständig belasteten Kosten pro geprüftem Teil

    Ein nützlicher Blickwinkel: Nimm die Erstjahreskosten des Bundles, teile durch geprüfte Teile pro Jahr und addiere eine etwaige Subscription. Auf einer typischen Zweischichtlinie mit 60 Teilen pro Minute liegt die Jahresproduktion bei rund 25 Millionen Teilen. Ein klassisches Bundle für 12.000 Euro landet bei grob 0,05 Cent pro Prüfung. Ein Smartphone-Bundle mit 1.000 Euro Hardware plus Enao-Subscription liegt pro Prüfung immer noch niedriger, oft unter 0,02 Cent. Multiplizier das über 20 Prüfstationen einer großen Linie und der Unterschied wird relevant.

    Was Du mit dieser Information tun solltest

    Bevor Du ein Machine-Vision-Angebot unterschreibst, frag nach der vollständigen Stückliste mit Objektiv, Beleuchtung, Rechenleistung, Verkabelung, Gehäuse und Integration. Ein Angebot, das nur die Kamera nennt, ist unvollständig. Frag, ob die Integratorstunden Fixpreis oder nach Aufwand sind. Frag, wie ein SKU-Wechsel das Modell betrifft und ob zusätzliches Training separat berechnet wird. Diese vier Fragen bringen 80% der versteckten Kosten auf den Tisch, wo sie hingehören.

    Wenn Du eine smartphonebasierte Prüfstation end-to-end gegen Dein aktuelles Machine-Vision-Projekt kalkulieren willst, tritt der Enao Community bei und wir teilen die Referenz-Stückliste und eine Vergleichsvorlage, die Du direkt in Deinen Business Case übernehmen kannst.

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    Verfasst von

    Korbinian Kuusisto